"Oktoberfest Cathedrals"

An einem der lebhaftesten Orte der Welt lernt der Münchner Fotokünstler Michael von Hassel die stille Seite der Oktoberfest-Zelte kennen.

Zugegeben. Die aufwendig errichteten und liebevoll geschmückten Festzelte auf dem Münchner Oktoberfest versprechen weit mehr als die bisweilen unschön bezeichneten Biertempel zunächst vermuten lassen. Aber bei den Wiesn-Zelten gleich von Kathedralen zu sprechen? 

Michael von Hassel, 1978 in München geboren, ist Fotokünstler mit internationalem Ruf. Bereits im Alter von 10 Jahren bekommt er von seiner Großmutter die erste Spiegelreflexkamera geschenkt.

Seine beeindruckende Fotoserie „Oktoberfest Cathedrals“ zeigt die Festzelte auf der Theresienwiese von einer ganz anderen Seite – menschenleer und stimmungsvoll eingefangen in den nächtlichen Stunden, zwischen lebhaften Festtagen. Erst wenn der Reinigungstrupp die Zelte verlässt, beginnt für von Hassel um 4 Uhr morgens der Moment des Wartens – auf den einen Augenblick, in dem ein Foto die stille Magie eines so lebendigen Ortes einfängt. 

Kurz vor seiner Abreise nach Sibirien führt der Künstler noch ein Gespräch mit Oktoberfest.de.

Herr von Hassel, in den Genuss die Münchner Oktoberfest-Zelte bei Nacht fotografieren zu dürfen kommen auch nicht viele. 

Ich glaube, ich bin bis jetzt der Einzige.

Wie kam Ihnen die Idee?

Ich habe immer gerne Orte gesucht, die nur sehr selten für sich alleine sind, und dann versucht ihre Schönheit in der Einsamkeit zu erfassen. Zum Beispiel die Spanische Treppe in Rom, die morgens um 4 Uhr menschenleer ist. Solche Orte haben einen unglaublichen Reiz, wenn man sich ihnen auf eine andere Art und Weise nähert. Das gilt auch für die Festzelte auf dem Oktoberfest.

Ist Ihre Idee bei den Fest-Wirten auf Gegenliebe gestoßen? – die Wiesn ist ja eh schon stressig genug.

Einer der Wirte ist glücklicherweise ein sehr guter Freund von mir: Christian Schottenhamel. Er schenkte mir die Möglichkeit nachts in seinem Zelt zu fotografieren, und er stellte auch die Kontakte zu den anderen Wirten her. 2013 hatte ich dann alle Genehmigungen beisammen.

Warum bezeichnen Sie die Festzelte in Ihrer Fotokunst als Kathedralen?

Wenn man bei nächtlicher Ruhe in einem der riesigen Zelte sitzt und Zeit hat zu überlegen, was am gleichen Ort tagsüber so passiert, dann findet man sehr schnell Parallelen zu Religion und Kirche. Wir legen traditionelle Kleidung an, wir nehmen fast schon mit Ritual bestimmte Speisen zu uns, wir haben Gesänge, die wir alle können und wie Gebete von uns geben, wir haben eine Musikbühne wie einen Altar, zu der wir uns hin orientieren, allein die gigantische Architektur eines Festzeltes, mit Seitenschiff und Mittelschiff, ist einer Kirche nicht unähnlich.

Herr von Hassel, herzlichen Dank für das Gespräch. Gute Reise und kommen Sie gesund aus Sibirien zurück.

Sehr gerne, wir sehen uns auf der Wiesn 2016.