9000 Hinrichtungen in 22 Jahren

Der Betreiber eines der berühmt-berüchtigtsten Schaustellerbetriebe erzählt aus über 22 Jahren Enthauptungs-Theater.

"Machst du da eine Wand hin ?" fragt Manfred Schauer den Bauarbeiter erschrocken. "Nein, nein", sagt der Arbeiter auf der Schichtl-Baustelle. "Das ist nur zur Absicherung für s Wochenende!" Na, Gottseidank, sagt Schauer. "Da hinten ist nämlich der Pumakäfig."

Ortstermin mit dem Chef des Schichtl 22 Tage vor der Wiesn. Die Bretter, auf denen er bald wieder 16 Tage und fast ebenso viele halbe Nächte verbringen wird, werden gerade aufgebaut.

Der ehemalige Tannengroßhändler, der seit drei Jahren nur noch als Inhaber des Veranstaltungsservice Schichtl (www.schichtl.by) sowie als Autor und Moderator (unter anderem für Radio Arabella) tätig ist, macht einen kleinen Rundgang über die Baustelle. Das Handy klingelt und die Betriebsleiterin des Schichtl-Lokals ruft an. Trifft sich gut, dass er gerade auf der Wiesn ist, da kann sie gleich vorbeikommen.

Es gibt noch viel zu tun in den letzten Tagen vor dem großen Auftritt. Vor allem muss das Programm noch vorbereitet werden. "Es gibt heuer ein komplett neues", verpricht Schauer. Der gute alte Schmetterlingstanz bleibt zwar erhalten. Aber "es wird mehr technische Effekte geben". Seine neuesten Sprüche zum Anlocken des Publikum würde er gerne verraten - wenn er sie schon wüsste! Doch die muss er erst noch ersinnen. Dass ihm aber nichts einfallen könnte, das braucht man nicht zu befürchten. Auch während des Gesprächs sprudeln die spontanen Scherze nur so aus ihm heraus, immer gut drauf, mit heiterer Stimme.

Apropos Stimme. Ab Mitte Juli werde er immer wieder gefragt: "Na, ölst du sie schon?" Doch für seine Stimme könne er nunmal nichts tun, außer sie vielleicht ein wenig zu schonen. Nur Sprechtraining bei einer Logopädin habe er schon öfters absolviert. Die guten Ratschläge seien aber "alle weg, wenn die Begeisterung kommt". "Wenn vor einem jeden Tag ein paar tausend Leute stehen und von einem Ohrwaschl zum anderen grinsen", sagt Schauer, "dann springt einfach der Funke über".
       
Der Tipp der Logopädin: "Sprechen Sie langsam" sei zum Beispiel schwer einzuhalten zu einem Medley der Blues Brothers.... "Das ist genauso, als würde man einen Espresso mit einer Schlaftablette würzen." Wann fallen ihm eigentlich all diese Sprüche ein? "Immer und nie", sagt Schauer. Zum Beispiel jetzt, mitten im Interview, oder bei Freunden oder in der Badewanne. "Nur nicht bei Beerdigungen", obwohl das doch thematisch durchaus passen würde...Die kabarettistische Ader wurde ihm übrigens in die Wiege gelegt. Obwohl es ein paar Tage dauerte, bis er nach dem plötzlichen Erwerb des Schichtl-Theaters zu Höchstform auflief. Scherzchen hatte er aber schon als Kind auf den Lippen. "Freudige Momente muss man sich im Leben selber schaffen", ist seine Philosophie.
Zufällig an den Schichtl geraten

Im Februar 1985 kam Schauer rein zufällig in den Besitz des Schichtls. "Ein Freund von mir hatte denselben Steuerberater wie Franziska Eichelsdörfer, die Inhaberin des Schichtl." So erfuhr man, dass die 82-Jährige das Traditionsgeschäft verkaufen wollte. Zunächst kauften Wolfgang Leyrer und Manfred Schauer das Theater gemeinsam. Die erste Wiesn verbrachten sie noch gemeinsam mit der vorherigen Inhaberin, die als "Schichtlin" an der Guillotine stand. Über Schauers erste Auftritte als Sprecher sagte die alt eingesessene Schichtlin nichts. "Ich weiß nicht, ob ihr einfach die Sprache weggeblieben ist..." sagt Schauer, der sich seinerzeit schaurig schlecht fand. Die Leute hätten ihn nur distanziert und irritiert angestarrt, erinnert er sich.

In Frack und Zylinder mit weißen Handschuhen, im Hintergrund Blasmusik, versuchte er, die Vorbeigehenden anzusprechen und ins Theater zu locken. "Nach vier Tagen dachte ich, entweder ich lass mich begraben, oder ich springe jetzt über meinen Schatten." Er sprang, und das tut er noch heute!
Am vierten Wiesntag anno 1985 änderte Schauer die Musik - jetzt gab es fetzige Akkordeonklänge - zog die weißen Handschuhe aus und gab seiner Stimme mehr Pep. Mitte der zweiten Woche hatte ihn der Wiesn-Virus dann endgültig erwischt.. "Kaum war die erste Wiesn vorbei, hab ich mich auf die nächste gefreut." Und das ist bis heute so!       

"Lachen zu verschenken ist das schönste, was man tun kann" findet Schauer. "Und vier Euro Eintritt ist das schönste, was man kriegen kann", fällt ihm gleich wieder ein frecher Schlenker ein. Allerdings komme er bei dem Wiesnjob immer "an seine körperlichen Grenzen". 14 Tage dauere es nach dem Oktoberfest, "bis ich derselbe Mensch bin, der ich vorher war". Drei Mal holte er sich bei seinem wilden Gehopse einen Miniskusriss. 2001 sogar schon am dritten Tag.

Doch ans Pausieren dachte er nicht, im Gegenteil. "Ich hab mir vom Bäcker Bodo einen Barhocker geholt und im Sitzen weitergemacht". Zwölf Stunden täglich wirbt Schauer mit seinen frechen Sprüchen und seiner Stimme um Besucher. Trotzdem hat er seit fünf, sechs Jahren immer weniger Zuschauer, findet er. "Weil die Leute immer länger im Bierzelt haften bleiben", ahnt er, "gibt es weniger Spaziergänger."
Doch das tut seinem Eifer keinen Abbruch. Die Wiesn ist noch immer ein Highlight in Schauers Jahr, auch wenn er Hinrichtungen und vieles andere nun auch das ganze Jahr über mit seinem Veranstaltungsservice bietet. Und das gilt auch für sein komplettes Team. Fest dabei sind alljährlich:
Ringo Prätorius, seines Zeichens Henker (seit 1985) und ansonsten freischaffender Künstler.
Andi, der Hamperer (bayerisches Wort für spezielle Art von Witzfigur), Henkersknecht, im normalen Leben Altbausanierer (seit 1998), die Schichtlin Ingrid Wagner, außerhalb der Wiesn Textilfachverkäuferin (seit 15 Jahren).

"Ach ja, und das Finanzamt München V, das ist auch immer dabei, fällt Schauer schon wieder ein Scherz ein. "Obwohl, ich glaub', die hörn jetzt auf. Letztens hab ich einen Brief gekriegt, auf dem stand 'Letzte Mahnung':" Wie auch immer, gemeinsam feierte dieser feste Stamm in 2007 die 9000. Hinrichtung. Alle anderen Künstler wechseln in unregelmäßigen Abständen.

Die Guillotine übrigens steht bei Schauer daheim, im Keller. "Aber verpackt", versichert er. Und hat schon wieder einen Scherz auf den Lippen: "Dieses Jahr gibt's eine neue: Modell Marie Antoinette."
Der Pumakäfig übrigens: Das ist der Aufenthaltsraum des Teams. "Und da drin wird es immer so heiß, da schwitzen wir wie die Raubtiere."