Die Kunst, in die Wand reinzugehen

„Muskeln braucht man nicht”, sagt Jagath Perera, 37 Jahre alt, Teamleiter bei „Pitt's Todeswand”.

Aber: „Ein starkes Herz!”
Denn die Fahrt auf der steilen Holzwand bedeutet Stress für den Körper. Fahre man mit 40 Stundenkilometern, so wirke auf den Körper eine Fliehkraft von 3,5 g. Beschleunige man jedoch auf 65 bis 70 Stundenkilometer – „das Maximum. Danach ist Ende, dann kommt der Blackout” – so wirke auf den Körper ein Druck von 7 g. „Und mehr als 8 g kann ein Mensch nicht aushalten”, sagt Perera. In anderen Worten: „Wir spielen mit unserem Leben. Wir sind keine billigen Artisten.”
Die Steilwandfahrer in „Deutschlands größter Motorsportschau” sind zu dritt in der Show. Ihr Jüngster, der 24-jährige Amando Nock, hatte im vergangenen Jahr einen kleinen Unfall, der die Leistung der Artisten besonders ins Rampenlicht bracht. „Bei einem Überholrennen hatte er einen ganz kleinen Fahrfehler gemacht”, sagt Perera. Als er die Richtung wechseln wollte, tat er dies zu schnell. „Er hätte noch einen halben Meter geradeaus fahren müssen”, sagt Perera. So aber fing das Vorderrad seiner 160 Kilo schweren Maschine an zu wackeln, die BMW stellte sich quer. Nock konnte sie nicht mehr halten, stürzte ab und schlug mit dem Kopf an den Bolzen der Hinterachse. Auch Perera, der haarscharf hinter ihm war, stürzte. Da er aber vorher noch eine Vollbremsung schaffte, hatte er mehr Glück als sein Kollege und kam mit ein paar blauen Flecken davon.
Amando Nock, im Leben außerhalb der Wiesn Stuntman und Hochseilartist im Circus Krone – er entstammt der bekannten Artistenfamilie Nock –, der unter anderem in einer engen Stahlnetzkugel Motorrad fährt, hatte sich bei dem Sturz die Nase und das Schultergelenk gebrochen und eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. Doch schon nach wenigen Tagen war er wieder auf der Bahn. „Wir sind hart im Nehmen”, sagt Perera und zeigt auf seine Nase. Die ist schief, und auf einer Seite kriegt er keine Luft. Ebenfalls die Folge eines Unfalls, den er seinerzeit schon nach zwei Tagen ignorierte.

Das Schwerste an dem Auftritt ist übrigens nicht das, was am schwersten aussieht, verrät Perera. Wenn die Fahrer zum Beispiel freihändig fahren. Oder wenn sie auf nur einem Pedal stehen und die Maschine praktisch über ihnen fährt. „Das Schwierigste ist, in die Wand reinzugehen”, sagt der Teamchef, der selbst seit 13 Jahren Steilwandfahrer ist. In die Wand reingehen, das heißt, nach oben kommen, wo die Fahrer mit ihren Motorrädern – einer Indian Scout und zwei BMW – praktisch im 90-Grad-Winkel zum Boden hängen: „Die Akrobatik ist dann leicht.” Das „In-die-Wand-reingehen” sei deshalb so schwierig, „weil dann das Vorderrad schlägt, das ist ein komisches Gefühl”, weiß Perera. Und das sei der Moment, in dem die meisten Fahrer Angst bekämen.
So wie der junge Mann, der sich auf der Wiesn 2008 bei ihm vorgestellte. Einer, der durchaus kein Anfänger war, sondern einer, der schon Motorrad- und Autostunts gemacht hatte. „Aber als er in die Wand gehen sollte, hat er Angst bekommen.” Daher konnte Perera ihn leider nicht engagieren.

Der dritte im Bunde auf „Pitt‚s Todeswand" ist Patrik Nock, 25, Bruder von Amando Nock. „Vernünftige Fahrer zu finden, ist sehr schwer”, sagt Perera: „Früher gab es viele. Heute gibt es auf der ganzen Welt vielleicht noch zehn wirklich gute.” Die Show, das betont Perera immer wieder, ist keine Kleinigkeit.  „Wir gehen jedes Mal ein großes Risiko ein. Das macht man nicht für zehn Zuschauer.” 50 sind das Minimum, das die Männer zum Auftritt bewegt. Knapp 300 passen rein.