Die Renaissance der Lederhose

Herbert Lipah ist 1948 in München-Pasing geboren und aufgewachsen. Seine frühe Sammelleidenschaft für Schmuck und Antiquitäten entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einem wahren "Lederhosen-Wahnsinn".

Der "Lederhosen-Wahnsinn" - so heißt auch das Geschäft von Herbert Lipah in der Münchner Borstei, in dem er rund 3.000 Lederhosen sowie jede Menge Trachten-Accessoires und historischen Schmuck anbietet. In Lipahs privater Sammlung befinden sich bis zu 150 Jahre alte historische Lederhosen, darunter eine feine Lederhose von Herzog Max von Bayern, dem Vater von Kaiserin Sissi, und eine ultrafeine, 320 Gramm leichte Lederhose, die König Ludwig II. getragen haben könnte.

Herbert, Du bist in München-Pasing geboren und aufgewachsen, bist also quasi in der Lederhose auf die Welt gekommen. Wie viel Prozent Deines Lebens hast Du in Lederhosen verbracht?


Bis ich 15 Jahre alt war, also bis 1963/ 64, habe ich eigentlich nur Lederhosen angehabt, abgesehen vom Sonntagsanzug oder Kirchen-Gewand. Jeder hatte eine kurze Lederhose, Rindsleder, und die wurde immer weiter gegeben, vom Bruder zum Bruder, vom Nachbarn zum Nachbarn. Ich habe die kurze Rindslederne sogar im Winter angehabt und meine Oma hat mir lange Strümpfe gestrickt, die man oben in der Lederhose einhängen konnte. In den 60er Jahren sind dann die Stoffhosen gekommen und die Jeans, und dann war bei mir eine totale Lücke drin mit den Lederhosen. Das war aber generell so. Wenn Du von 1960 bis 1980 auf die Wiesn gegangen bist, dann waren eigentlich nur die Besucher aus dem Oberland, die Trachtler und die Musiker in Tracht. Ansonsten sind alle in der Jeans raus gegangen oder in der Cord-Hose. Erst in der 80er Jahren begann die Renaissance der Lederhosen. 

Was ist 1982 passiert?


Meine Nachbarin hat bei mir geklingelt und gesagt: „Herbert komm mit, ich hab einen Haufen Sachen bei mir im Keller, nimm es mit, verkauf es auf der Dult und dann gibst mir einfach die Hälfte“. Ihr ganzer Keller war voll mit alten Krügen, Gläsern, Silber, alles Mögliche. Und dann sehe ich an der Wand eine alte Lederhose hängen und habe sofort eine Gänsehaut bekommen, ich habe einfach etwas gespürt, die Hose hat mich angestrahlt. Ich wusste sofort die ist an die 100 Jahre alt. Heute weiß ich, sie ist von 1880, die Hose hängt bei mir im Geschäft. 

Und damit begann die Renaissance der Lederhosen?


Könnte man so sagen. Auf der Dult habe ich kleine Scheiben an meinen Stand gehängt: „Suche alte Lederhosen“. Schon eine Stunde später ist eine alte Frau gekommen und brachte mir eine kurze, graue Hirsch-Lederhose, ganz was einfaches, aber in gutem Zustand. 20 Mark habe ich ihr für die Hose gegeben und sie mit einem Fleischerhaken an meinen Stand gehängt. Keine halbe Stunde ist vergangen und ich habe die Lederhose für 30 Mark weiter verkauft. Auf dieser Dult habe ich insgesamt 350 Lederhosen gekauft und 128 wieder weiter verkauft, ich habe das Kassenbuch noch. 

Alle gebraucht und getragen?


Und wie gebraucht! Nicht nur das Sonntags-Gewand, sondern auch mehrfach geflickte Hosen. Wenn ich eine schöne alte Lederhose habe, kann ich sofort eine Stunde lang darüber erzählen, wo sie herkommt, was für ein Leder, warum die Stickerei so ist, die Beinknöpfe, der ganze Schnitt - denn auch die Lederhose hat sich modisch entwickelt. Erst sind die Hosen immer kürzer geworden, dann wieder länger, Bundhose, Stiefelhose, Dachauer Hose, eine endlose Geschichte.

Die alpenländische Tracht dürfte weltweit gesehen DER Exportschlager sein. 


Absolut. Da komme ich wieder auf die Renaissance der Lederhose zurück, 1982, als ich angefangen habe. Die Medien haben das Thema mit meinen alten Lederhosen so groß gemacht, dass die Nachfrage plötzlich immens gestiegen ist. Neue Hosen wurden produziert, günstigere Hosen, damit sich jeder eine leisten kann. Und wenn Du heute auf die Wiesn rausgehst, dann siehst Du kaum noch einen in der Jeans. Die Lederhose ist mittlerweile eine Weltkleidung geworden, es gibt hunderte Oktoberfeste weltweit, sogar in Irkutsk in Sibirien gibt es einen Lederhosen- und Dirndl-Laden.

Herbert, wie viele Lederhosen braucht ein gescheites Mannsbild?


Der braucht genau eine Hose, und wenn er mehr mag, dann kauft er sich halt noch eine oder mehr dazu. Und wenn er einen richtigen Lederhosen-Wahnsinn hat, dann siehst Du ja was dabei rauskommt: 2.500 Lederhosen im Verkauf, 650 in der Sammlung und nochmal über 1.000 im Lager.

Auf der Wiesn sieht man inzwischen ja so manch kuriose Lederhose, stört Dich das?


Das ist mir wurscht. Ein jeder soll das tragen, was ihm gefällt. Wenn Du während der Wiesn oben an der Bavaria stehst und runter schaust, dann siehst Du ein wunderschönes Bild, farbenprächtig. Wenn Du natürlich den einen oder anderen mit der Lupe anschaust, dann naja, aber das Gesamtbild ist schön und die Toleranz müssen wir aufbringen, dass ein jeder anziehen darf, was er will und wie er es will.