Die Straßenkehrer der Wiesn: Es ist schon ein Stressjob

Das Wiesnteam von der Straßenreinigung sorgt dafür, dass am Morgen alles frisch und sauber ist.

Wenn Michael Humennyi früher nachts um 4 Uhr auf die Wiesn kam, hatte er "das Gefühl, dass die Pappteller meterhoch lagen". "Die ganze Wirtsbudenstraße entlang", erinnert er sich, "bis gaaaanz hinten". Seit nur noch Mehrweggeschirr verwendet wird, ist die Müllschicht, die die Männer von der Straßenreinigung nachts vorfinden, erheblich kleiner geworden. Trotzdem liegt da noch eine ganze Menge, wenn Hunderttausende von Volksfestbesuchern die Theresienwiese verlassen haben.

Peter Kiefer, zuständig für Planung und Organisation des Wiesneinsatzes, hat die Zahlen parat: Auf der Wiesn 2007 wurden insgesamt 224 Tonnen Abfall eingesammelt, im Jahr 2006 waren es 231 Tonnen, auf der Wiesn 2005 kam man auf 180 Tonnen, ein Jahr zuvor auf 191 Tonnen und auf der Wiesn 2003 waren es 243,5 Tonnen. Leichte Variationen ergeben sich dadurch, dass die Wiesn mal länger, mal kürzer gedauert hat. Der Wasserverbrauch der Straßenreiniger ist ebenfalls enorm:

2007 wurden 222 Kubik auf der Theresienwiese verspritzt, um die Abfälle besser zusammenkehren zu können. 2006 waren es 237 Kubik, 2005 waren es 252 Kubik, 2004 kam man auf 282 Kubik und 2003 auf 162.
Die Reinigungsprozedur beginnt jede Nacht um 2 Uhr. Dann kommt als erstes der Waschwagen. Der ist mit 10 000 Litern Wasser gefüllt und diese spritzt er auf die mit Abfällen übersäten Wiesn-Straßen, denn feuchte Abfälle sind leichter zu bändigen.

Um 3 Uhr kommen die acht Männer von der manuellen Reinigung. Sie sind mit Reisigbesen bewaffnet und kehren alles, was unter den Vordächern und Markisen zurückgeblieben ist, raus auf die Straße. Um 4 Uhr tauchen dann Michael Humennyi und seine Kollegen mit den größeren Fahrzeugen auf. Zunächst fahren der „Boki“ und der „Artego“ (zwei Automarken) mit ihren Vorbaukehrwalzen über die Straßen. Ihre Aufgabe ist es, den Müll hübsch ordentlich in die Mitte der Straße zu schieben.

Als letztes kommt dann die Fünf-Kubik-Großkehrmaschine mit ihrem Riesenstaubstauger und saugt alles weg. Damit ist der Müll aber immer noch nicht von der Wiesn verschwunden.

Jetzt kommen alle Kehrmaschinen an einer bestimmten Stelle zusammen und laden dort ihre Last ab. Diese wiederum wird von mehreren Kippern aufgeladen. Sie transportieren die Überreste der Riesenparty wochentags direkt ins Heizkraftwerk. Am Wochenende werden sie im Betriebshof in der Gmunder Straße zwischengelagert, bis das Heizkraftwerk am Montag wieder öffnet.
Zwischen acht und halb neun müssen Kehrmaschinen und Reisigbesen von der Wiesn verschwunden sein. Dann beginnt ein neuer Tag.

Michael Humennyi ist seit 14 Jahren alljährlich im Wiesn-Team dabei. Sein Kollege Rudolf Wender gönnt sich jedes zweite Jahr eine Pause. "Es ist schon ein Stressjob", sagt er. Drei Wochen lang arbeitet man durch, ohne einen einzigen freien Tag. Zeit für einen privaten Wiesnbummel bleibt allerhöchstens am frühen Nachmittag. "So um 15 Uhr treffen wir uns manchmal und trinken ein, zwei Maß. Aber dann ist Schluß." Schließlich müssen die Männer spätestens um 3 Uhr wieder aus dem Bett. Einen Sonderbonus gibt es für den Wiesn-Einsatz nicht. Nur eben ein paar mehr Überstunden, die sich natürlich bezahlt machen. Und ein größeres Erfolgserlebnis als im alltäglichen Job.

"Es ist schon toll, wenn man morgens sieht, wie alles wieder blitzblank ist", sagt Bernhard Kretschmer, heute Fuhrparkleiter im Betriebshof, früher acht Jahre lang als Fahrmeister auf der Wiesn im Einsatz. Aber nicht nur das. "Die ganze Atmosphäre ist toll", schwärmt Humennyi, "die ganzen Verrückten, die man sieht". Denn wer sich die Wiesn nachts als völlig leer und verlassen vorstelle, der irre. Immer begegne man dort allen möglichen Menschen. Da gibt es Italiener, die gerade mit ihrem Wohnmobil angekommen sind, und sich nachts schon mal, mit einem Kasten Bier bewaffnet, vor ihr Lieblingszelt setzen.

Da gibt es Menschen, die morgens um 7 Uhr ihren Kinderwagen über die Wiesn schieben, weil sie sonst nichts durchkommen. Und natürlich die Flaschensammler, die ihren Fund anderswo gegen Pfand eintauschen wollen.
Eine skurrile und traurige Begegnung hatte Humennyi im letzten Jahr. "Da kam die Polizei und sagte uns, wir sollten aufpassen, ob wir einen Schlüpfer finden." Der schreckliche Grund: Eine 17-Jährige war vergewaltigt worden. Das Beweisstück zu finden, war in den Müllbergen jedoch unmöglich.

Ein wichtiges Fahrzeug auf der Wiesn ist übrigens auch der Werkstattwagen. Der muss zahlreiche Reifen zum Auswechseln dabei haben. "Wenn man mit dem Reifen über einen abgebrochenen Maßkrug fährt, ist der hin", sagt Kretschmer. Aus seiner Zeit als Fahrmeister auf der Wiesn erinnert er sich an seinen Rekord: "Zwölf platte Reifen in einer einzigen Schicht." Getoppt worden sei dies nur durch die Milleniumsreinigung auf der Leopoldstraße, erzählt er. "Da waren es 29 Platte in wenigen Stunden."

Stress hin oder her – die Wiesn-Reiniger freuen sich schon wieder auf ihren Einsatz. Endlich mal was anderes, als immer ihre altgewohnte (und bei Nacht gewöhnlich wie ausgestorbene) Strecke zu fahren. Und endlich mal ein wirklich großes Erfolgserlebnis. Denn so ein schönes Vorher-Nachher-Gefühl wie bei der Wiesn-Reinigung gibt s nur selten. Das ist auch nach der Abschaffung der Pappteller noch so.

© Oktoberfest.de
Das Team von der Straßenreinigung in der Mittagspause im Betriebshof. Wir bedanken uns für den etwas anderen Insider-Einblick zur Wiesn.