Die Wiesn ist wie eine Olympiade

Zwölf Uhr mittags auf der Wiesn, fünf Tage vor dem O'zapfen. Toni Roiderer, Wirt des Hackerzeltes und Sprecher der Wiesnwirte, schleppt zusammen mit seinem Zelt-Architekten Rainer Wüstinger eine Kiste mit Alubehältern voller warmer Suppe ins Wiesnbüro.

„Es gibt Essen“, ruft Roiderer den im Büro Versammelten zu, geht schonmal ins Nebenzimmer und schöpft die warme Mahlzeit in ein paar Teller. Doch alle, die er anspricht und auffordert, sich doch zu setzen und etwas zu essen, haben gerade keine Zeit. Auch der Chef selbst wird immer wieder von fröhlicher Blasmusik unterbrochen: dem Klingelton seines Handys. „Wenn ich das alles an mich ranlassen würde“, seufzt er zwischen zwei Löffeln Rindersuppe, „würde ich wahnsinnig.“

Herr Roiderer, Sie haben eigentlich gar keine Zeit für ein Interview...
Das ist richtig, aber für Oktoberfest.de nehme ich mir immer Zeit.

Was gibt es denn noch alles zu tun?
Die letzte Woche vor der Wiesn ist die aufreibendeste. Da muss man schaun, dass die Feinarbeit stimmt, dass alles organisiert ist, dass alles funktioniert. Wenn der Freitag vorbei ist, mach ich wirklich ein Kreuzzeichen. (klingt jetzt plötzlich fröhlich) Und dann beginnt die Wiesn.

Was heißt Feinabstimmung?
Ob alle Kassen funktionieren, ob alles richtig steht, Sie haben ja gerade mitgekriegt: Jetzt haben wir die Behindertentoilette umgebaut nach den Vorgaben der Behörde nach DIN Norm. Jetzt san die wieder da, jetzt gefallt’ s ihnen wieder ned. Dann ist wieder was anderes. Da kommt man vom Hundersten ins Tausendeste. Und da musst schaun, dass du ruhig bleibst und gute Nerven bewahrst.

Dann sind auch noch gerade Dreharbeiten hier...
Ja, die Dreharbeiten belasten mich eigentlich nicht, denn der Bayerische Rundfunk ist ja an den drei Samstagen im Haus. Die haben da von mir das Hausrecht gekriegt. Die stören mich nicht.

Hat man als Sprecher der Wiesnwirte mehr zu tun als die anderen Wirte?
Was andere Wirte machen, weiß ich nicht. Ich weiß, dass jeder Wirt jetzt viel zu tun hat. Wenn es um Organisation geht, dann muss ich die eben zusätzlich machen. Aber das hab ich vorher gewusst und das stört mich eigentlich gar nicht.

Gibt’s da regelmäßige Treffen, wo man sich abspricht?
Wir sprechen uns nicht ab, sondern wir unterhalten uns, wir reden über Themen. Jetzt haben wir aber dafür überhaupt keine Zeit. Am ersten Dienstag treffen wir uns mit den Behörden und dann kommt ein Termin nach dem anderen. Und wenn irgendwas mal nicht richtig läuft, dann müssen wir eben was unternehmen.

Wie viele Trachtenanzüge haben Sie?
(lacht)
Trachtenanzüge hab ich zwei oder drei. Aber bestimmt 70 Sakkos und zirka 15 Hosen. Aber Sakkos hab ich in verschiedenen Größen...

Wieso das?
(lacht) Weil jetzt ist die Hauptzeit, jetzt steh ich gerade gut im Futter, der ganze Körper voller Muskeln...nach der Wiesn ist das vielleicht wieder anders.

Oder sind das noch Sakkos aus 20 Jahren Wiesn, die eben jetzt nicht mehr alle passen?
Also ich bin schon sparsam, aber nicht sooo sparsam, dass ich die Mode anzieh, die vor 20 Jahren aktuell war.

Also die sind alle topmodisch, die 70 Sakkos...
Zeitgemäß !

Die wievielte Wiesn ist für Sie heuer?
Ich bin seit 19 Jahren auf der Wiesn, es ist also die 20. Wiesn.

Sie sind jetzt also Vollprofi und routiniert?
Ja, wenn ich s jetzt noch nicht könnte, hätte ich etwas Sorge, ob ich s überhaupt noch lernen würde...Natürlich gibt s auch noch nach sovielen Berufsjahren mal eine Kleinigkeit, die nicht ganz hinhaut. Aber insgesamt stimmt die Mannschaft, also toi toi toi. Ich bin voller Zuversicht, dass von unserer Seite her alles bestens vorbereitet ist.

Gab’s denn anfangs mal Pannen?
Ja, Pannen passieren immer mal. Einmal hab ich die Schänke im Garten vergrößert und vergessen, dass ich dann einen zweiten Schankkellner brauch... Dann haben wir mal vergessen, alkoholfreies Bier zu bestellen. Sowas passiert immer wieder mal, das muss man nicht überbewerten. Denn nur die, die nix arbeiten, machen keine Fehler.

Und heuer gibt s einen neuen Ofen. Warum?
Die Wiesn ist zwar traditionell, aber man muss sich immer weiterentwickeln, auch bei der Technik. Wenn ich heut schau, was wir für Öfen haben, das ist modernste Technik. Der Gast möchte ja höchste Qualität, und die steht ihm auch zu.

Gibt’s manchmal einen Tag, an dem Sie denken, heut mag ich nicht rausgehen?
Auf der Wiesn ned. Obwohl es nicht schön ist, wenn es kalt und nass ist wie heute. Wenn die Leute im Bierzelt frieren, das ist eine unangenehme Situation. Aber noch viel schlimmer ist es, wenn am Vormittag am Wochenende das Wetter schön war, und es fängt dann plötzlich zu regnen an. Da fängt man an zu schwitzen, weil dann alle ins Zelt wollen. Dann frag ich mich: Hat das jetzt sein müssen?

Wie viele Stunden verbringen Sie auf der Wiesn?
15 bis 16 Stunden am Tag, manchmal auch mehr. Einmal hab ich 120 Stunden zusammengebracht. Wenn mal irgendwas nicht funktioniert oder so. Da hilft nichts. Aber da wird nicht gejammert. Das ist genauso, wie wenn sich ein Sportler für die Olympiade vorbereitet: Der muss auch trainieren. Und bei uns ist es genauso.

Was machen Sie alles an einem Wiesntag? Haben Sie Zeit, mit den Gästen zu plaudern?
Ich mache immer das, was ich gerade für wichtig empfinde. Ich sag immer, ich bin Unternehmer und nicht Unterlasser. Wenn irgendwas drückt, wird das sofort gemacht. Ich schieb nichts auf. Ich geh durchs Mittelschiff, ich geh in die Boxen rein. Ich schau schon, dass ich weiß, was los ist.

Was die Bedienungen machen?
Das sieht man alles im Vorübergehen.

Was für eine Abschiedszeremonie gibt es im Hackerzelt am letzten Tag?
Der Abschied ist immer sehr sehr schön. Aber da wird vorher nichts verraten. Da sag ich nur: Kommt vorbei, dann seht ihr, wie wir’s machen.

Und nach der Wiesn?
Dann räumen wir erstmal auf, das dauert bis Donnerstag. Dann ist Nachbesprechung mit den Verantwortlichen. Und dann ist erstmal die Wiesn vorbei. Dann brauchst du eine Woche, bis du dich regenerierst. Aber man sagt immer, dass der Wirt soviel Arbeit hat. Wissen Sie, vor wem ich am meisten Respekt habe? Vor den Bedienungen! Die quer durch’s Schiff gehen, mit Essen und Bier. Das ist Top Leistung, da hab ich den höchsten Respekt vor diesen Mädels.

Aber jetzt freuen Sie sich ja erstmal auf den Anfang...
Richtig, dass es erstmal angeht. Am meisten freu ich mich, wenn 16 Tage lang schönes Wetter ist und alles friedlich abläuft.

Wir bedanken uns bei Herrn Roiderer für das Interview und wünschen eine erfolgreiche Wiesn!

Informationen zum Hacker-Festzelt