Eine eigene Welt

Zu Besuch auf der Wiesnbaustelle

„Heiß“, sei es auf der Wiesn-Baustelle, sagt Stahlbauer Reiner Gallitzdörfer. Deshalb hat er auch einen feschen Hut aufgesetzt, während er gemeinsam mit seinen Kollegen von der Firma Innenausbau Rauffer die Stahltürme des Rischart-Zeltes „Cafe Kaiserschmarrn“ aufbaut und „ein bisschen mit dem Staplerkarren“ rumfährt. Der selbstständige Messe- und Bühnenbauer war jetzt eine Woche lang auf der Wiesn-Baustelle. Der spezielle Wiesn-Virus hat ihn ihn dieser Zeit offenbar noch nicht gepackt. „Nöö“, sagt er, etwas wirklich Besonderes sei diese Baustelle für ihn nicht gewesen. Auch am heutigen Donnerstag, seinem letzten Tag , kriegt er keine wehmütigen Gefühle. Es muss daran liegen: „Ich bin eigentlich kein richtiger Wiesngänger“ gibt er zu.

Und das, obwohl er in München wohnt. Aber diesmal, das verspricht er zumindest, wird er auf jeden Fall einmal kommen. Allein schon, um sich das fertige „Cafe Kaiserschmarrn“ anzusehen. Nächste Woche aber ist er dann erstmal auf einer anderen Baustelle: Am Königsplatz bei Eric Clapton.

Auch bei Christian Schlenz, ebenfalls Stahlbauer beim Cafe Kaiserschmarrn, ist vom Wiesnvirus nichts zu spüren. Er ist ebenfalls zum ersten Mal auf der Wiesnbaustelle und ebenfalls „sonst nicht so der Wiesngänger“. „Ich geh einmal, dann aber gescheit. Und mit meiner siebenjährigen Tochter am Familientag.“ Trotzdem findet er immerhin: „Das ist mal ganz was anderes!“ Und das Essen in der Wiesnkantine schmeckt ihm supergut. Auf der Wiesn bleibt Schlenz noch bis Ende August. Dann geht’s weiter zur IAA in Frankfurt.

Bauleiter Jürgen Rieg kann nur den Kopf schütteln angesichts der Aussagen seiner Mitarbeiter. Für ihn ist die Wiesnbaustelle auf jeden Fall etwas ganz Spezielles. „Eine eigene Welt“ sei dies, schwärmt er. „Man kennt sich hier. Egal in welche Kantine ich komme, ich werde begrüßt. Also ich bin nach wie vor begeistert von dieser Arbeit.“ Sieben Jahre lang hat er beim Aufbau des Käferzeltes mitgewirkt, seit letztem Jahr widmet er sich dem Rischart-Zelt „Cafe Kaiserschmarrn“. Und das bis zum Umfallen!
„Letztes Jahr haben wir Tag und Nacht gearbeitet“, erinnert sich Rieg. Da war das „Cafe Kaiserschmarrn“ noch ein Neubau. Erstmal kam die Zulassung erst Ende April. Dann musste der künstlerische Entwurf von Angelina Hien von der Firma „Choreografia“ „in die Realität geholt werden“. Das brachte ganz besonderen Stress.

Heuer sind die Teile alle schon da. „Jetzt geht es darum, dass man ein bisschen Routine schafft“, sagt Rieg. „Beim ersten Mal aber war’s brutal. Ich bin 2007 am Freitag vor Wiesnbeginn um Mitternacht hier raus, nachdem wir 140 Stunden im Monat gearbeitet haben.“ Und war er denn dann auch pünktlich zum Ozapfen wieder da?
„Oh nein, am nächsten Tag war ich im Bett. Eine Woche lang.“ Riegs Wiesnbeginn verschob sich um eine Woche. Soweit darf es diesmal nicht kommen. Trotzdem bleibt der Stress für alle Wiesnbauarbeiter: „Es darf ja viel passieren. Aber nicht, dass man zur Wiesn nicht fertig wird.“

Das kann auch Karl Rauffer, Inhaber von „Innenausbau Rauffer“, nur unterschreiben. Aber er hat auf jeden Fall schon reichlich Routine. Seit 37 Jahren baut seine Firma das Käferzelt auf. Und jetzt eben auch das „Cafe Kaiserschmarrn“.

Lässig im Umgang mit dem Termindruck ist auch Toni Pletschacher. Schließlich baut seine Firma bereits seit 50 Jahren das Löwenbräu-Zelt. Großvater Anton Pletschacher bekam den Auftrag zum ersten Mal, gab ihn an Erwin Pletschacher weiter, dieser an Toni und der hofft jetzt bereits auf seinen Nachfolger: den jetzt 14-jährigen Tobias. Toni Pletschacher selbst ist seit mehr als 30 Jahren auf der Wiesnbaustelle. Zum ersten Mal kam er im Alter von 5 Jahren mit seinem Papa.

„Es ist eine Herausforderung“, findet er aber trotz aller Routine. Zum Beispiel wegen des Wetters. „Auch wenn es drei Wochen lang regnet, müssen wir pünktlich fertig werden.“ Dann können nicht alle Arbeiter so lässig „oben ohne“ dasitzen wie heute. Pletschachers machen nicht nur den Aufbau, sondern auch den kompletten Innenausbau, die Bestuhlung und einen Teil der Dekoration. Im Laufe der Jahre hat sich die Technik natürlich zugunsten der Arbeiter gewandelt. „Früher mussten wir noch alle Planen per Hand annageln“, erinnert sich der Chef. Heute gibt es die Köderschienen, auf die man nur noch die Planen aufziehen muss. Aber schwitzen, das tut man heute ebenso wie damals.

Galerie zum Interview: Aufbau auf der Theresienwiese

Die Wiesnbaustelle ist eröffnet © Oktoberfest.de