Party mit Schnittwunde, Arbeiten mit Lungenentzündung

Wer in die Sanitätsstation auf der Wiesn kommt, will nicht krank sein, sondern so schnell wie möglich wieder hergestellt werden.

Lila Pumps trägt der junge Mann in der Hand. "Ich suche meine Freundin", sagt er. Während die zu den Schuhen gehörige junge Dame im Behandlungsraum auf einer Liege sitzt und in eine Papp-Schale spuckt, tritt eine Mitarbeiterin der Sanitätsstation mit einem Formular zu dem Gentlemen. "Dann sagen Sie mir doch mal den Namen Ihrer Freundin", bittet sie. "Johanna", antwortet der Bursche in Lederhosen. "Nachname?" Er zuckt die Schultern. "Da muss ich leider passen."
Dr. Ragi Chita, 32, grinst. "Sowas kommt hier öfters vor." Der Notfall- und Sportmediziner sowie Assistenzarzt für Innere und Allgemeinmedizin in einer Praxis in Sendling absolviert heuer seine vierte Wiesn als ehrenamtlicher Helfer in der Sanitätsstation im Servicezentrum. Sechs Schichten auf vier Tage verteilt hat er diesmal zugeteilt bekommen. Insgesamt sind in der Station, die täglich von 10 bis 2 Uhr geöffnet hat, bis zu 100 Sanitäter und bis zu zehn Ärzte im Einsatz.
Warum meldet man sich zum ehrenamtlichen Dienst ? "Weil es einfach Spaß macht", sagt Chita. "Die Kameradschaft hier und auch die Leute, die man trifft." Neben den Kontakten ist die Arbeit aber auch medizinisch interessant für den jungen Arzt.
"Es ist alles dabei: Platzwunden, Schnittwunden, Prellungen, aber auch Herzinfarkte." Man dürfe nicht vergessen, dass sich auf der Wiesn  täglich eine Kleinstadt versammle. "Und in einer Kleinstadt passiert auch immer etwas." Vormittags kommen eher die Leute, die auf der Wiesn arbeiten. "Sie haben ja sonst keine Zeit." Securitys, Bedienungen und Schausteller mit Bronchitis oder Schnupfen kommen vorbei. "Alles, was einem normalen Hausarzt auch begegnet", sagt Chita. Je länger dann die Zelte geöffnet hätten, desto mehr entwickele die Tätigkeit sich zur Notfallmedizin.
Da ist zum einen die Überwachungsstation für bewusstlose Patienten, in der es EKG-Geräte, Wärmedecken und die Möglichkeit für warme Infusionen gibt. Hier wird darauf geachtet, dass Betrunkene nicht an ihrem Erbrochenen ersticken. 15 Betten hat dieser Raum, am Wochenende sind sie immer belegt, sagt Chita. "Rein gefühlt liegen da fast mehr Frauen als Männer", schätzt Chita. "Aber das ist eine völlig subjektive Einschätzung." Jedenfalls ist der übermäßige Alkoholkonsum nicht mehr aufs "starke" Geschlecht beschränkt.
In der Mitte der 750 qm großen Sanitätsstation ist der Sichtungsbereich. Hier werden die neu eingelieferten Patienten zuerst von den Ärzten begutachtet und es wird festgestellt, wie ernst die Lage ist. Akut lebensgefährdete (auch das komme durchaus vor, so Chita) werden in die Akutbehandlung gebracht. Das entspricht einem Schockraum in Notaufnahmen. Hier kann man Sauerstoff geben, EKG machen, Absaugen, Blut abnehmen und analysieren, etwa den Sauerstoffgehalt im Blut testen.
Für weniger bedrohliche Fälle gibt es den Ruheraum. Hierher kommen beispielsweise Menschen, die in einem Fahrgeschäft, etwa der Achterbahn, eine Panikattacke hatten. Oder solche, denen die Hitze und Lautstärke im Zelt zugesetzt hat und die sich dringend einmal hinlegen müssen.
Im Behandlungsbereich können gleichzeitig bis zu fünf liegende und zwölf sitzende Patienten versorgt werden. Hier werden Verbände angelegt und Wunden gesäubert. In einem kleinen Operationssaal nebenan ist heute Abend Dr. Horst Bund damit beschäftigt, eine Wunde nach der anderen zu nähen.
"Alkohol ist fast immer dabei", sagt Dr. Chita über die Patienten. Das Wichtigste sei es am Anfang festzustellen, ob es "nur Alkohol" sei oder ob noch eine andere Krankheit dahinter stecke. Das Verhältnis der beiden Fälle sei etwa 50 zu 50, schätzt er.
Während ein Patient im sonstigen Leben in diesem Falle schnell das Bett hüte, könne man das bei einer Wiesnbedienung kaum hoffen. Zwar habe er ihr Antibiotika verordnet und ihr Ruhe empfohlen. Er gehe jedoch davon aus, dass sie weitergearbeitet habe.
Erst vor wenigen Tagen kam eine Bedienung zu Dr. Chita. Sie sagte, sie sei schon am ersten Tag etwas erkältet gewesen, jetzt huste sie dauernd. Die Diagnose lautete: Lungenentzündung.

Auch an diesem Abend kommen zwei Bedienungen als Patientinnen. Die eine hat einen Bierkrug auf den Kopf bekommen, aber großes Glück gehabt. Auch sie wird weiterarbeiten können. Auch die Gäste, die hier behandelt werden, möchten meist nur eins: zurück ins Bierzelt. Deshalb werden alle Wunden fest verbunden oder genäht. Nicht alle sind allerdings so stur wie der Endsechziger, der vor einigen Tagen da war. "Er kam um 11 Uhr früh zum ersten Mal und war schon sturzbetrunken." Im Überwachungsraum nüchterte er etwas aus und ging dann wieder. Ins Bierzelt. Am Nachmittag war er wieder da, musste sich erneut für ein paar Stündchen hinlegen. Den Rekord stellte er auf, indem er am Abend nochmals und noch betrunkener aufkreuzte. Diesmal hatten die Sanitäter aber kein Verständnis mehr für seine Sehnsucht zurück ins Bierzelt. Sie bestellten ein Taxi und schickten ihn nach Hause.
Auch der junge Mann, der ein Stück vom Hendl verschluckt hatte, welches sich in seiner Speiseröhre festsetzte, wollte nur eins: So schnell wie möglich weiterfeiern. Man versuchte alles, um ihn wieder auf Vordermann zu bringen. "Er hüpfte herum, lief die Treppen auf und ab." erinnert sich Dr. Chita. "Aber das Stück Hendl wollte nicht runterrutschen." Der Mann würgte und konnte nicht mehr schlucken. Schließlich musste er doch ins Krankenhaus und dort eine Magenspiegelung machen lassen, bei der das Stück Hendl wahrscheinlich mit einem Greifer entfernt wurde.
Die Behandlung der Betrunkenen ist nicht immer leicht. "Viele, die bewusstlos waren, wachen auf und wollen sofort gehen." Wenn sie das täten, würden sie jedoch unters nächste Auto geraten. Daher müsse man versuchen, sie dazubehalten. Einige, die sich dabei aggressiv aufführen, kommen ein paar Tage später reumütig zurück und entschuldigen sich für ihr Benehmen, erzählt Chita. 
Johanna ist inzwischen wieder ansprechbar und darf gemeinsam mit ihrem Gentleman gehen. Sie trägt jetzt ihre Pumps und schwankt noch ein wenig. Ob es zurück ins Zelt geht oder vielleicht doch nach Hause? Wäre spannend zu erfahren, ob der junge Mann ihren Nachnamen noch erfahren hat.