Die kleinsten Artisten der Welt.

Das kleine blau-rote Häuschen, erbaut im Jahre 1952,  lagert das ganze Jahr über in den Räumen der Transportfirma von Robert Birk. Nur zwei Wochen im Herbst wird es aufgebaut: Auf dem Oktoberfest. Dann lockt es mit der Aufschrift "Floh-Circus" unzählige Neugierige an, die nicht glauben können, was ihnen hier versprochen wird. Die bis zu höchsten 4,5 Millimeter großen Tierchen sollen hier Kunststückchen vollbringen, die man noch dazu als Zuschauer ansehen kann.

Und doch ist es so. Wenn alle zirka 30 Besucher das kleine Rund des Zirkus betreten haben - die Kinder dürfen ganz vorn vor der kleinen Manege mit Mini-Häusern und einem kleinen Fußballtor sitzen - betritt Christian Birk den Raum. Er ist der Sohn von Robert Birk, der gemeinsam mit dem Abkömmling des Gründers, Peter Mathes junior, den Floh Circus besitzt. Schon seit seinem 18. Lebensjahr ist Christian Birk hier als Vorführer tätig, er weiß somit, was er tut.

Und aus seinem kleinen Kästchen, der Wohnstatt der Artisten, holt er nacheinander August den Starken, Fridolin und Theodor, Angie, den Münchner Floh Sepp und den Wiener Floh Max hervor. Und alle tun genau, was er verspricht: Sie vollführen unglaubliche Kunststücke. Die sollen hier nicht alle verraten werden, damit der Besucher auch noch richtig staunen kann. Aber bei Groß und Klein erweckt die Vorführung viele Fragen: Wie bringst du denen das bei? Woher kriegst du die? Was essen sie? Wie lange leben sie? Werden die wieder freigelassen?
Und Christian Birk beantwortet alle Fragen. Und einen kleinen Trick über die Dressur verrät er auch: "Man belohnt sie nach getaner Arbeit mit Dunkelheit, Wärme und Ruhe!"

Der Floh Circus stand 1948 zum ersten Mal auf der Theresienwiese. Was dort gefeiert wurde, hieß jedoch seinerzeit aufgrund der Kriegszeiten noch nicht wieder Wiesn, sondern "Herbstfest". Heuer jedenfalls kann der Floh Circus sein 60-jähriges Wiesnjubiläum feiern. Peter Mathes senior war es, der im Zweiten Weltkrieg von seinem 80jährigen Großonkel den Floh Circus erbte. "Weil er als Kriegsbeschädigter keine andere Arbeit bekam, übernahm er diesen Job", berichtet sein Sohn Peter Mathes junior. "Wer weiß, was sonst daraus geworden wäre!"

Jahrzehntelange zeigte Mathes senior die Künste seiner Flöhe auf der Wiesn, bis er 2001 schwer krank wurde und aufhören musste. Drei Jahre lang pausierte der "wohl kleinste Zirkus der Welt", bis Peter Mathes und Robert Birk beschlossen, ihn wieder aufleben zu lassen. Auch Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl hat hier nachgeholfen, indem sie immer wieder nachfragte: "Ja, wollt ihr denn nicht wieder..." Und so kam es, dass das kleine Häuschen im Jahre 2005 wieder auf der Theresienwiese aufgebaut wurde.
Trotzdem wäre es beinahe nicht zum Comeback gekommen! Denn am Dienstag vor der Wiesn fanden die Inhaber alle Floh-Artisten tot auf!
Erst ein Aufruf in der BILD-Zeitung brachte neue Flöhe: Ein Mann, der mehrere Hunde und Katzen mit Flohbefall besaß, hatte sich gemeldet. Peter Mathes machte sich an die Arbeit und sammelte genau 82 Stück von deren Fellen. Und er schaffte es tatsächlich, diesen in der Kürze der Zeit noch die nötigen Kunststückchen beizubringen. Wie? Das darf man in der Vorstellung gerne fragen!

Seit 5 Jahren also zieht der Floh Circus wieder die Menge an. Rund 60 Vorstellungen können seine kleinen Stars bewältigen. Die übrigens fast alle männliche Namen haben, aber dennoch sämtlich weiblichen Geschlechts sind. Warum? Leider nicht, weil die Damen intelligenter wären, lächelt Mathes. Sondern einfach deshalb, weil sie größer und damit besser zu sehen sind. Die Lupe, die Christian Birk den Künstlern vorhält, kann man trotzdem gut gebrauchen.
So mancher hat noch nie bedacht
dass man auch mal den Floh belacht.
Hier ist sogar, man glaubt es kaum,
ein ganzer Circus zu beschaun
wo jeder kleine Flohartist
am goldenen Draht gebunden ist.
Kommt rein zu uns und schauet an
was man so klein doch leisten kann.

Aufschrift am Floh-Circus