Lederhosen: Vom Skandal beim Gottesdienst zum Must-Have

Blaublütler und Beamte – darum tragen alle Lederhosen

Klar, dass ausgerechnet ein Sepp für das Lederhosen-Revival verantwortlich ist. Als politisches Statement verstanden es der Lehrer Joseph Vogl und seine Stammtischbrüder 1883, als sie gegen den Verfall der Traditionen und das deutschlandweite Aufkommen der Lodenhose protestierten, indem sie sich beim Schneider Modelle althergebrachter kurzer lederner Arbeitshosen anfertigen ließen. Weil sechs Männer in Krachledernen allein jedoch noch keine Modebewegung sind, gründeten sie einen Verein. Den ersten Trachtenverein.

Skandal beim Gottesdienst: mit der Lederhose in die Kirche

Und erschienen zu allem Überfluss in ihren neuen Outfits am Sonntag in der Kirche von Bayrischzell. Die Gemeinde verspottete die Kurzbehosten, die Kirche bezog sofort Stellung gegen das Beinkleid, das vermeintlich gegen die guten Sitten verstieß. Ein Glück jedoch für die Sechs, dass König Ludwig II. ein Trachtenanhänger war und die Idee begeistert aufnahm, ja, sogar in einem Schreiben wohlwollend lobte.

Der Adel nahm den Trend zur Lederhose auf

Der Rest liest sich ein wenig wie die Regieanweisung für "Sissi". Nicht nur der Kini, auch Herzog Max, der Vater von Kaiserin Elisabeth, Prinz Luitpold und zahlreiche andere Habsburger und Wittelsbacher posierten auf der Jagd in der wieder entdeckten Lederhose. Was der Adel trug, war der Landbevölkerung und den Städtern nur Recht, selbst die Intellektuellen wie Ludwig Ganghofer und Ludwig Thoma stolzierten plötzlich in der einstigen Arbeiterhose der Bauern, Flösser und Senner durch München. Wie beim Dirndl sorgten Sommerfrischler und die Operette "Im Weißen Rössl" für einen regelrechten Lederhosen-Boom, der allerlei Zierrat mit sich brachte. Waren die Hosen vor 1883 vor allem lang, mit Kälberstricken in der Taille zusammengehalten und boten Schutz vor Hitze, Kälte, Nässe und Ungeziefer, wurden sie jetzt mit Eichen- oder Weinlaub bestickt. Die Hosenträger zierten Edelweiß und Enzian, den Sattel gerne Sinnsprüche oder das Konterfei Ludwigs II. Weitere unverwüstliche Kennzeichen: eine tellerartige Sattelnaht am Gesäß und der Zwickel, mit dem die Bundweite verändert werden kann.

Die Länge der Lederhose macht den Unterschied

Traditionell nur aus Hirsch- oder Gamsleder gefertigt, gibt es jedoch eine erstaunliche Artenvielfalt bei der Länge: Die lange Lederne ist der älteste Schnitt, den schon Ötzi, die Gletschermumie, getragen hat. Die Kniebundhose ist dagegen ein Überbleibsel des 17. Jahrhunderts und die kurze Lederhose, die oberhalb des Knies endet, hatte ihren Ursprung im Gebirge, wo sie den Gebirgsjägern und Sennern die notwendige Beinfreiheit bot. Um es noch komplizierter zu machen gibt es noch die Stiefellederhose mit engen Hosenbeinen, die an den Fesseln zugebunden werden und z.B. in der Dachauer Tracht zu finden sind, und die Plattlerhose, eine kurz über dem Knie endende sehr enge Hose ohne Verzierungen, deren Schnitt und Design nur der einen Funktion dienen: den Schlag beim Schuhplatteln lauter klingen zu lassen.